Die LesBiSchwulen Gottesdienst-Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum

2004: Katholikentag Ulm

Zwei persönliche Erfahrungsberichte vom 95. Deutschen Katholikentag:

Drei Tage Katholikentag in Ulm – vom 17. bis 19. Juni – hatten die LesBiSchwulen Gottesdienst-Gemeinschaften die Gelegenheit, sich an den „Orten der Begegnung“ der interessierten Besucherschaft des Katholikentags mit einem Infostand zu präsentieren.
Gemeinsam mit unseren Partnergruppen, den Queergemeinden aus Stuttgart, München, Nürnberg, Münster und Basel, gestaltete das Frankfurter Projekt schwul und katholisch nun schon zum zweiten Mal nach dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin einen Info-Stand. Mehr als 20 engagierte Mitarbeiter aus den einzelnen Gemeinden teilten sich die Arbeit am Stand untereinander auf, sodass auch einzelne krankheitsbedingte Ausfälle noch kurzfristig aufgefangen werden konnten.
Besonders hervorgehoben zu werden verdient das Engagement des Netzwerks katholischer Lesben, die den Stand in Kooperation mit uns betrieben und durchgehend auch personell bei den Standdiensten vertreten waren. Es war ein harmonisches, unkompliziertes Miteinander, das Mut macht für zukünftige gemeinsame Aktionen.

 Kirchenmeile Ulm 2004Es war von vorneherein klar, dass der Katholikentag mit etwa 35.000 Besuchern sehr viel kleiner ausfallen würde, als der Ökumenische Kirchentag in Berlin, und auch der fehlende Feiertag wirkte sich sicher auf die Besucherzahlen aus. Dennoch herrschte zu bestimmten Zeiten reger Andrang in den Ulmer Messehallen, und das Interesse der Katholikentagsbesucher war groß.
Aus vielen Einzelgesprächen war ein Menge Zuspruch fär unsere Arbeit herauszuhören. „Interessant, ich wusste ja gar nicht, dass es so etwas wie Gottesdienste für Schwule und Lesben gibt.“ oder „Toll, dass ich ihr euch hier zeigen könnt.“ waren häufig gehörte Reaktionen, wie schon letztes Jahr in Berlin.

Eine Frage tauchte aber bemerkenswert oft auf und setzte damit einen neuen Akzent: „Ich finde es nicht gut, dass ihr euch nicht in die Ortsgemeinden integriert, dass ihr etwas eigenes machen müsst!“ – Ja, wenn das in jeder Gemeinde so selbstverständlich möglich wäre, dann wäre in dieser Kirche vieles in Ordnung... – Dass wir uns nicht absondern wollen, sondern im Gegenteil die Mitte der Kirche suchen, haben wir eigentlich mit unserem Auftritt beim Katholikentag eindrucksvoll bewiesen. Dennoch werden Anfragen dieser Art auch für die Zukunft eine Herausforderung bleiben, denn eine einfache Antwort, die jeden gleichermaßen zufrieden stellt, gibt es wohl nicht – das haben die Gespräche in Ulm gezeigt.

Unser Dank für den Auftritt gilt nicht zuletzt der Katholikentagsleitung, die unseren Info-Stand nicht nur unkompliziert zugelassen hat, sondern auch sonst um eine Integration in Harmonie bemüht war. Die zugelassenen Gruppen in Halle 7 waren ja bunt gewürfelt, vom eher fortschrittlichen Spektrum bis zum ganz konservativen Rand. Die Katholikentagsleitung ließ es sich nicht nehmen, zum Abschluss noch einmal persönlich bei uns nachzufragen, ob denn auch alles konfliktfrei verlaufen sei – wir konnten nur antworten: Ja, alles wunderbar, keine Probleme!

Dies alles gibt Anlass zur Hoffnung, dass auch im nächsten Jahr wieder ein gelungener Auftritt beim evangelischen Kirchentag in Hannover zustande kommt, für den wir bereits eine Einladung vorliegen haben. Wir dürfen uns schon jetzt darauf freuen!

Wolfgang (Projekt: schwul und katholisch, Frankfurt)

 

Queers in Ulm. Der Katholikentag in Ulm ist gelaufen, „Leben aus Gottes Kraft“ war das Motto.
Im Rahmen der LSGG gemeinsam mit dem Netzwerk Katholischer Lesben (NKaL) waren wir von der Queergemeinde Münster in Ulm vertreten – und zunächst mal war es schön, so einige bekannte Gesichter vom Jahrestreffen in Stuttgart wiederzusehen.

Unser Stand befand sich auf der Kirchenmeile, oder eher gesagt auf der „bunten Meile“ – denn den Eindruck hatte man schon, wenn man an den benachbarten Ständen in der Halle 7 vorbeischlenderte... Inmitten der vom Zölibat betroffenen Frauen, der Gruppe der entsprechend betroffenen Priester, zwischen vielen Regenbogenflaggen an Ständen „gleich-“ oder „freundlichgesinnter“ Gruppierungen, dort mittendrin befand sich der Stand der LSGG – und es war immer wieder interessant, die Mimik (und die Veränderung der Mimik) auf den Gesichtern der Menschen zu verfolgen, wenn sie die Standüberschrift gelesen hatten.

Ein Plakat sowie aktuelle Flugblätter unserer Queergemeinde Münster informierten über uns und über die anderen Queergemeinden und Queerprojekte, aber wohl am interessantesten waren die persönlichen Gespräche, die durchaus während meines zweistündigen Dienstes am Stand stattfanden. Ob dies nun zum Beispiel die Psychotherapeutin war, die in ihrem Beruf „viel mit schwulen Männern zu tun hat“, für deren spirituellen Bedürfnisse sie bei uns eine Anlaufstelle sah, ob dies der betont heterosexuelle Interessierte war, der viele Fragen an uns hatte, ob dies der skeptische ältere Herr war, der nach eigener Aussage „mehr Sünden als wir alle zusammen“ begangen haben wollte, oder viele andere mehr... es war auf jeden Fall eine kurzweilige Zeit.

Dass der Erzbischof von Bamberg den Kirchentag unter Protest verlassen haben soll, als er die „bunte Meile“ sah, kann ich hier nur als Gerücht verbreiten, allerdings aus verlässlicher Quelle.

Ich denke jedenfalls, dass unsere Präsenz dort gut und wieder einmal mehr als notwendig war – wie oft habe ich an diesem Tag den Satz gehört „Ach, ich wusste gar nicht, dass es ‚so etwas‘ gibt...“ Uns ins Bewusstsein der Leute gebracht, Interesse geweckt und vielleicht den einen oder die andere ermutigt, einmal zu einem unserer Gottesdienste zu kommen – das, denke ich, haben wir gut geschafft.

Und im kommenden Jahr werden wir uns dann in Hannover wiedersehen – beim Evangelischen Kirchentag 2005.

Markus (Queergemeinde Münster)